Exponierter Komponist, elektrisierender Lehrer und ein bedeutendes Gesicht der Improvisation: Friedrich Schenker

Zum Tode des Komponisten und Posaunisten, an der HMT Lehrbeauftragter für Komposition (1983-1985) sowie für Improvisation (1996-2012)

von Hendrik Reichardt, Posaunist und Alumnus der HMT (Orchestermusik, Musikpädagogik, Improvisation)

Am 8. Februar 2013 verstarb Friedrich Schenker nach schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Berlin. Drei Wochen zuvor, am 16. Januar, fand im Gewandhaus die Uraufführung seiner Komposition „Die Ästhetik des Widerstands I“ nach dem gleichnamigen Roman von Peter Weiss statt. Schenker war selbst anwesend und nahm den üppigen Beifall des Leipziger Publikums auf, mit dem er so lange gerungen hat und auf geradezu wechselwarme Weise kontinuierlich verbunden war. Es war keine billige Versöhnung mit dem todkranken Mann, sondern vor allem aufrichtige Begeisterung und Anerkennung seines Werkes, die da im gut gefüllten Mendelssohnsaal zu spüren waren, als das „Ensemble Avantgarde“ sein Geburtstagskonzert beendet hatte.

Welche Beziehungen bestehen zwischen Schenker und der Hochschule? Am 23.12.1942 in Zeulenroda geboren, absolviert Schenker von 1961 bis 1964 ein Musikstudium an der „Deutschen Hochschule für Musik“ in Ost-Berlin (Posaune: Helmut Stachowiak, Komposition: Günter Kochan). 1964 wird er Soloposaunist im Rundfunksinfonieorchester Leipzig und studiert daneben bis 1968 in Leipzig bei Fritz Geissler weiter Komposition. 1970 gründet er mit dem Oboisten Burkhard Glaetzner ein Ensemble, um avantgardistische Musik in Leipzig zu kultivieren: die „Gruppe Neue Musik ‚Hanns Eisler‘“. 1973-75 ist er Meisterschüler bei Paul Dessau an der Akademie der Künste der DDR. Dessau übt einen großen Einfluss auf Schenker aus: „Die Arbeit mit ihm hat uns Komponisten immer beflügelt, im Streit gegen Dummheit, Verlogenheit, Kriechertum, für eine wirklich humane, avantgardistische Musik. Mit Paul Dessau wollen wir unbequem für alle Hörer, unversöhnlich gegen die Feinde der Menschheit und freundlich-anregend für unsere Kinder sein“ (Schenker 1979, Nachruf auf Paul Dessau). Mit seinem zunehmend renommierten Ruf als Komponist folgen auch ein paar Jahre im Lehrauftrag für Komposition an der Leipziger Musikhochschule. Zu seinen Schülern gehört unter anderem Steffen Schleiermacher. Schenker ist in dieser Zeit zugleich „Berater für zeitgenössische Musik“ am Gewandhaus und Gründer der Kammermusik-Reihe „Kommunikation“, die heute „musica nova“ heißt und von Steffen Schleiermacher geleitet wird.

1996 spricht Prof. Dr. Peter Jarchow Friedrich Schenker an, wieder im Lehrauftrag an die inzwischen neustrukturierte „Hochschule für Musik und Theater ‚Felix Mendelssohn Bartholdy‘“ nach Leipzig zu kommen: diesmal im Fach Improvisation. Schenker sagt sofort zu und lehrt bis zum Sommersemester 2012. Neben dem Komponieren war die Improvisation seine „liebste Tätigkeit“ (so Tilo Augsten), der er gleichzeitig einen hohen Stellenwert beimaß. Schenker erweitert die bis dahin vom Klavier sowie dem Gesang dominierte Abteilung um das Lehrangebot speziell für Bläser. Er führt bei allen Instrumenten avantgardistische Spieltechniken ein, die bis heute einen festen Bestandteil des Lehrprogramms bilden und so ein Teil der Philosophie des Fachgebietes Improvisation an der HMT geworden sind, wie Tilo Augsten bekennt: „In dieser Konsequenz die Möglichkeiten der Instrumente auszuloten, das hat Friedrich Schenker hier ins Spiel gebracht, und das ist der Abteilung in Fleisch und Blut übergegangen.“

Schenker steigt als Juror in die von Tilo Augsten und Peter Jarchow organisierten „Leipziger Improvisationswettbewerbe“ ein, leitet die „Dresdner Winterkurse für Improvisation“ und ist Gründungsmitglied des „Deutschen Institutes für Improvisation“. Er versteht es, renommierte Improvisatoren als Gastdozenten für Kurse zu gewinnen, die auch aus dem Free Jazz kommen wie beispielsweise Conny Bauer. Mit seiner Klasse tritt Schenker regelmäßig auf, ob in der hauseigenen „Black Box“, oder in der „naTo“, dem „UT Connewitz“, auf dem Leipziger Stummfilmfestival oder im Künstlerhaus Vorpommern in Heinrichsruh. Ihm kommt es darauf an, die Möglichkeiten der Improvisation oft öffentlich vorzuführen und damit auf deren Bedeutung als selbständige Kunstform hinzuweisen. Dazu bezieht er auch Sprecher oder Schauspieler ein.

Als Posaunist war er ein musikalisches Phänomen: zweifelsohne ein Virtuose seines Instruments, ein echter „Arbeiter“ schon vom Äußeren her, der da die Posaune auseinander nimmt und wieder zusammenfügt, und der bei jeder musikalisch-improvisatorischen Handlung alles gibt, als spiele er um sein Leben, auch wenn er „nur“ vormittags im Dittrichring, Raum 0.01 mit seinen Studenten übt. Denn Schenker spielte wirklich immer um sein Leben. Diese Haltung rührte wohl von seiner Prägung durch Paul Dessau her: „offen zu sein für die Schmerzen, die Schrecken, die Freuden der Welt“ und darauf „mutig, spontan, hektisch, quasi Allegro furioso zu reagieren“ (zit. n. Stefan Amzoll, Landschaft für Schenker). Schenker wirkte musikalisch geschmackbildend: Er hatte eine eigenwillige, aber starke Bindung an das klassische Musikerbe, und er schätzte neben allen Spezialeffekten und avantgardistischen Spieltechniken auch den sogenannten schönen, klassischen Ton.

Sein Credo: Jede Musik ist – bewusst oder unbewusst – politisch. Die Sensibilisierung für politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge und gewisse Mechanismen der Macht gehörte bei ihm zum unbedingten Lehrprogramm. Schenker war ein glühender Pazifist und wohl zeit seines Lebens ein musikalischer Widerstandskämpfer „im Streit gegen Dummheit, Verlogenheit, Kriechertum“. Dabei ein Feingeist, der nicht in der Musik als autonomer Kunstform verharrte, sondern mit zahlreichen und bedeutenden Kulturschaffenden wie bildenden Künstlern, Schriftstellern, Theater- und Filmregisseuren befreundet war. Unter den Komponisten zählten unter anderem Hans Werner Henze, Luigi Nono, Ernst Krenek, Luigi Dallapiccola, Edisson Denissow, Alfred Schnittke, Helmut Lachenmann, Dieter Schnebel oder Aribert Reimann zu seinen persönlichen Bekannten. Über sie erfuhren die Studenten sehr viel „aus erster Hand“ und profitierten von Schenkers anregender geistiger Offenheit. Zum Improvisationsgegenstand machte er oftmals Gedichte von Volker Braun, Heiner Müller, Thomas Rosenlöcher (ebenfalls befreundete Persönlichkeiten) sowie Texte von Rimbaud, Baudelaire oder Joyce. Es wurde zu Bildern von Paul Klee, Pablo Picasso oder Salvador Dalí improvisiert, um nur einige zu nennen. Angenehme Gegenstände der Lebensführung wie exquisite Speisen oder erlesene Weine rundeten die Ausbildung bei ihm ab, indem sie etwa nach einem Konzert durchaus gern praktisch behandelt wurden.

Zusammenfassend ist mein Studium an der HMT durch den Unterricht bei Friedrich Schenker um eine ganze Dimension reicher geworden. Zahlreiche Studentinnen und Studenten sind durch seine Improvisationsschule gegangen und tragen so Schenkerschen Geist musikalisch an alle Orte ihres Wirkens.

Friedrich Schenker war Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Helmut Lachenmann zufolge hat Schenker „bedeutende Werke aller Gattungen geschaffen, die geprägt sind von struktureller Faszination und überzeugender Ausdruckskraft in einem, zudem ein souveränes Metier verraten, und die ihm so als herausragenden Vertreter seiner Generation internationalen Respekt verschafft haben“ (zit. n. Amzoll 2002, S. 58). Dass ein Komponist seines Ranges die Improvisation so hoch einschätzte, spricht für diese Kunstgattung, die in Leipzig mit einem eigenen Fachgebiet innerhalb der Fachrichtung Komposition/ Tonsatz kultiviert wird.  Nicht zuletzt deswegen bleibt Schenker ein wichtiges Gesicht der Hochschule.

Veranstaltungshinweis: Do; 13.6.2013, 19.30 Uhr, Black Box: Improvisationsabend In Memoriam Friedrich Schenker mit Studierenden und Alumni der Improvisationsklassen der Hochschule

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